Meinung Piratenpartei

Das Problem mit der Niedrigschwelligkeit

Als Julia Reda vor einem Monat auf reddit.com ein AMA machte, kam natürlich auch eine Frage zur Piratenpartei, insbesondere zur scheinbar abnehmenden Popularität, trotz ständiger Datenskandale und der offensichtlichen Notwendigkeit von mehr Netzpolitik.

Sie antwortet:

[I]t did not do enough to shield itself from trolls and create an inclusive environment. The “everybody can participate” attitude has backfired in the sense that aggressive people have been given too much room and have driven other activists away from the party.

Für Julia liegt einer der Gründe darin, dass die Partei sich nicht ausreichend gegen Trolle geschützt hat, und das Mitmach-Angebot an alle sich zum Negativen verkehrt hat. Aggressiven Menschen wurde so zu viel Raum gelassen, um andere aktive Mitglieder zu vergraulen.

Ich teile Julias Meinung. Was sich für mich aber automatisch anschließt ist die Frage, welche Lehre zieht man daraus?

Wenn ich ehrlich bin, dann ist für mich generelle Niedrigschwelligkeit nichts, was per se positiv ist. Na klar, es ist freundlich, wenn man sich anderen nicht verschließt. Und auch ein gelebtes Angebot zur Mitarbeit für jeden ist für eine Partei, die gerne gesellschaftlich legitimierte Positionen vertreten möchte, für die Glaubwürdigkeit ungemein wichtig. Aber meiner Meinung nach muss das nicht bedingungslos sein.

Generelle Niedrigschwelligkeit verringert per se eine Hürde. Eine Hürde, die Menschen überwinden müssen, um an etwas teilzunehmen. Diese Hürde ist in meinen Augen aber häufig ein Filter, um die Ernsthaftigkeit von Engagement zu beurteilen. Sie verdeutlich, wie wichtig es jemandem wirklich ist, bei etwas dabei zu sein. Und diese Ernsthaftigkeit ist gleichzeitig auch der Respekt gegenüber anderen, die bereits etwas diskutieren oder erarbeiten. Wenn jemand nicht bereit ist, diese Hürde zu überwinden, und stattdessen einen anderen Zeitvertreib wählt, so drückt dies eben das geringe Engagement der Person aus. Sie trifft dann die Entscheidung, dass sie diese Vorarbeit zur Überwindung der Schwelle nicht bereit oder in der Lage ist zu leisten. Das ist aber gleichzeitig ein Schutz derjenigen, die auf der anderen Seite stehen. Wenn zum Beispiel gerade ein Thema diskutiert wird, und die betreffende Person nicht die Bereitschaft hat, sich in etwas zuvor einzuarbeiten (z.B. zunächst zuzuhören und das Gespräch mitzuverfolgen, oder sich beispielsweise mit den gängigen Begrifflichkeiten vertraut zu machen), dann ist der Ausschluss von der Diskussion zu diesem Zeitpunkt etwas positives. Denn es verhindert ein Abgleiten der Diskussion in lange Erklärungen, die im schlimmsten Fall für jeden “Neuankömmling” zu leisten sind. Das kann aber nicht das Ziel sein, wenn man gerade etwas erarbeiten möchte.

Das ständige Mitmachangebot, was allgegenwärtig auf die Menschen prasselt, führt dazu, dass viele sich scheinbar nicht mehr die Mühe machen, sich ernsthaft darauf einzulassen. Es wird beispielsweise darauf verzichtet, vorab ein Mindestmaß an Eigenleistung einzubringen, um sich inhaltlich vorzubereiten. Das ist an sich auch nicht nur auf die Parteiarbeit bezogen. Die gewollte Niedrigschwelligkeit bei Twitter oder Facebook führt dazu, dass häufig drauflos-kommentiert wird ohne nachzudenken. Es wird ein Tweet abgesetzt, weil man einen anderen Tweet sieht, durch den man sich provoziert fühlt. Der Kontext wird jedoch mangels Interesse oder fehlender Aufmerksamkeit gar nicht beachtet. Es ist das schnelle Rauskotzen der eigenen Meinung, vollkommen egal, was gerade das eigentliche Thema ist. Ein impulsives Erbrechen spontaner Emotion oder Gedanken. Und aus dieser fehlenden Impulskontrolle dringen dann bei manchen Menschen die niederen Triebe durch, andere persönlich anzugreifen, eine Entscheidungsfindung im Konsens zu verhindern, wenn der eigene Wille nicht durchgesetzt werden kann, dem eigenen Geltungsbedürfnis Ausdruck verleihen, etc…

Für Parteiarbeit kann das nicht gut sein. Die Piratenpartei möchte aber anders sein als die etablierten Parteien, bei denen es schwierig scheint, Zugang zu politischer Parteiarbeit zu bekommen. Gleichzeitig hat sich jedoch gezeigt, dass das “Komm und mach mit!” so nicht funktioniert. Was ist also ein nächster Schritt, um in einer Abwägung einen gangbaren Weg zu finden, der für alle Beteiligten fruchtbar ist?

Wir brauchen eine Mindest-Anforderung, um Zugang zu bekommen. Etwas, das die Ernsthaftigkeit des Interesses ausreichend ausdrückt. Für mich bedeutet das beispielsweise, sich wenn nötig mit dem Grundwissen zu einem Thema vertraut gemacht zu haben, oder nach einem Verweis auf relevante Quellen sich damit auseinanderzusetzen, bevor man in einer Diskussion wahrgenommen werden möchte. Oder es bedeutet, dass man sich die Mühe macht, seine eigene Meinung in mehr als nur einem Satz oder 20 Wörtern zu formulieren.

Das wiederum verdeutlicht, welche Medien sich nicht nachhaltig für Parteiarbeit eignen: Twitter, Facebook. Bestimmte Forenbeiträge weisen diese Merkmale auf, so dass auch das Forum nicht uneingeschränkt brauchbar ist. Auch ein nach diesen Kriterien unmoderierter Mumble oder eine Telefonkonferenz ist damit im Risiko zu entgleisen.

Was für Medien bleiben also?

Mir fallen da klassischerweise Blogbeiträge ein (man möge mich nostalgisch nennen). Oder meinetwegen kurze Referate. Podcasts sind großartig, um Diskussionen voranzubringen, und Themen von mehreren Seiten zu beleuchten.

Die Mittel dazu stehen eigentlich jedem zur Verfügung. Wer jetzt sagt, er habe aber keine Zeit, einen 400-Wörter-Text zu schreiben, hat damit genau das Ausgangsproblem beschrieben – wer keine Zeit hat, Arbeit in etwas reinzustecken, sollte nicht erwarten, Teil einer Diskussion zu sein. Auch die Plattformen gibt es, um die geleistete Arbeit zu publizieren. Zumindest würde sich das ja relativ leicht einrichten lassen, falls das nicht der Fall ist.

Ich für meinen Teil bin der Meinung, dass jede Arbeit in einem solch niedrigschwelligen Kontext massiv ineffizient ist, und sehr anfällig für Störungen, die dazu führen, aktive engagierte Menschen zu vergraulen. Wir werden besser, wenn wir den nächsten Schritt ausprobieren, um die Anforderungen und damit den Anspruch wieder zu heben.

Lasst mich wissen, was ihr denkt!

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